Stiller Has

Pressetext "so verdorbe"

Ein Ringen um Leben und Tod
Zum neuen Album von Stiller Has (so verdorbe)

Und immer wieder übertreffen Stiller Has sich selber! Himmeltraurig schön ist der waidwunde Blues des neuen Albums «So verdorbe», und nie zuvor wurde der Wortschöpfer, Schausänger und Stimmspieler Endo Anaconda von einer Band so kongenial umgarnt wie von der aktuellen Formation mit Gitarrist Schifer Schafer, Bassistin Salome Buser und Schlagzeuger Markus Fürst. In Songs um Sucht und Sehnen, Lebenslust und Todesahnung halten Stiller Has mit dem ihnen eigenen poetischen Sarkasmus der Schweiz den Spiegel vor.

«I wott meh, meh als mönschemüglech isch», ruft Anaconda dem Land zu: «I wott nech ändlech lache gseh!» Und es ist dies ein würdiger Epilog zu Mani Matters «Warum syt dir so truurig?», wie er nur ihm gelingen konnte, dem singenden Dichter Anaconda, der als gebürtiger Österreicher uns Bernern genauer aufs Maul schaut, als jeder Hiesige es vermöchte, und die Berner Gemütlichkeit misstrauisch murrend aufs Korn nimmt: «I dere Stadt isch immer Sunndigmorge oder Donnschtigabigschlussverchouf.»

Uns will er lachen sehen, er bringt uns auch dazu, selber hat er wenig zu lachen. «E Gloon, wo grännet, hänkt im Fänschterchrüz», singt Anaconda, und der traurige Clown ist er selber. Hier singt einer, der leidet am Leben, es dennoch immer wieder auskosten will und dabei immer wieder scheitert: «Vilech gits o d Liebi nid, u s blibt nume d Sehnsucht zrugg, u di hett länger, vil vil länger als jedes läbeslange Glück.» Da klingt schon der Tod an, und er huscht in «So verdorbe» als Schatten über jede Zeile, mal getarnt als Novembernebel, mal als «Chlyne Tod» – «lieber chli tot als ohni Liebi müesse läbe» –, mal ganz offen: «E letschte Schluck usem Hänkerbrunne, u d Aareschleife zieht sech zue.»

Wie viel Endo, die Persona dieser Lieder, mit dem Privatmenschen dahinter gemein hat, können wir nur erahnen. Er wirkt aber jederzeit echt und jedenfalls berührend, dieser ins Straucheln vernarrte Protagonist von «So verdorbe», der sich vornimmt, nur noch die Hälfte zu rauchen, weniger zu saufen, der gelobt: «I lache u gränne nümm zur glyche Zyt» und doch hemmungs- und schamlos genau dies tut, gleichzeitig greint und grinst. Denn wie der Tod schreit auch das Leben aus jeder Zeile, ein stetes Ringen um abgebrochene Aufbrüche ist diese Musik, um Leben und Sterben – und dieses Ringen heisst Blues. Ein Blues, der selbst das Belcanto-Pathos der zwinkernden Coverversion «Guarda che luna» durchströmt, ein Aussenseiterblues, wie er in Bern, in der Schweiz seit Chlöisu Friedli nicht mehr so erschütternd gesungen wurde.

Jedesmal, wenn man denkt: «Das ist ihr Meisterwerk!», kommt noch eines. Das begann schon 1991 mit «Der Wolf ist los», dem dadaistisch-sprachmalerischen Geniestreich, der auf Anhieb unübertrefflich schien, es führte sich fort mit «Landjäger», «Moudi» und «Walliselle» – und immer, wenn man das Gefühl hat, dies sei nun das bestmögliche Hasen-Album, kommt noch eines, aber nicht eines, das die anderen in den Schatten stellen würde, sondern ein neuer Monolith, der sich gleichberechtigt, aber unvergleichlich neben die anderen stellt. «So verdorbe» ist schon wieder ein Stiller-Has-Meilenstein. Nur grosse Künstler im Pop schaffen eine solche Laufbahn, ohne sich im ewig gleichen Erfolgsmuster zu verlieren; Stiller Has erreichen immer mehr Leute und stranden doch nie im Mainstream. Einer sang mal: «I hätt no viel blöder ta.» Stiller Has tönen an, dass weitere einmalige Meisterwerke folgen: «Merci für jede Seich, won i no nid ha gmacht.»

Diesmal ists der Sound, der, obzwar vertraut, ausgefeilter ist denn je. Scheppernd und rumpelnd gibt er sich, dabei ist jeder Ton mit Bedacht gesetzt, jedes nostalgierende Farfisa-Orgelpfeifen, jedes Banjozirpen, jedes Slidesirren ist an seinem Platz, nie ist ein Song überladen, immerzu erdig, karg und doch himmelhoch – ein untröstlicher, aber hoffnungslos schöner Blues. Es ist, als walzerte Nino Rota mit Robert Johnson. Zu verdanken ist das Schifer Schafer, dem Gitarristen und Klangmeister, dem es, wäre die Welt gerecht, nicht mehr länger gelingen dürfte zu verbergen, welch grossartiger Künstler er ist: Keiner im Land verbindet Könnerschaft und Gefühl wie er.

Ganz zuletzt drehen Stiller Has das sprichwörtliche Fernweh des Berner Rock, das von «D Rosmarie und i» bis «Bälpmoos», von «Bümpliz, Casablanca» bis «Uf u dervo» zum Topos geronnen ist, ins Gegenteil – Schauplatz Venedig, November, die Liebe erkaltet wie der Fisch auf dem Teller, und er, der Sänger, der Erzähler, will nur noch heim: «Näbel hets o z Gäbelbach.»
Bänz Friedli

 

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